Katharina Neumann-WolffKatharina Neumann-Wolff studierte Kunst und Philologie in München, Würzburg und Münster. Heute lebt sie bei Kiel und stellt farbenfrohe Skulpturen aus Baumstämmen, Aluminium und Stahlblech für den Indoor- und Outdoorbereich her.

„Katharina Neumann-Wolffs Bäume wuchsen einst in den Himmel. Irgendetwas kam dazwischen: Ein Sturm, Fäulnis, eine Begradigungsmaßnahme der Straße, und so wurden sie zum Objet trouvé auf langen Streifzügen durch Schleswig-Holsteins Landschaften. Die Eigenartigkeit ihres Wuchses überhaupt zu sehen, Assoziationen zu den unendlich vielfältigen und individuellen Naturformen und zu ihrer sinnlichen Ausstrahlung zu entwickeln, den Reiz der Textur noch im morbiden Verfall zu spüren, das ist der erste Akt. Leonardo da Vinci hat ihn beschrieben, als er die Naturschönheit des Zufälligen analysierte. Der zweite Schritt meint, aus der Nature morte wieder ein lebendiges Wesen oder besser: ein Zeichen und Analogon eines lebendigen Wesens zu gestalten.

Die Stämme werden aufgerichtet, sie bekommen Sockel und Ständer, bisweilen auch Köpfe und ursprünglichen organischen Charakter, werden unserer synthetischen Kunstwelt durch bunte Scheiben und Zeichen aus Plastik und Metall einverleibt und wehren sich dagegen durch ihrer heitere Lebendigkeit.  Mit Säulen teilen sie die Plinthe, doch sie tragen nichts. Mit Stelen urgeschichtlicher Kulturen haben die das Aufgerichtetsein gemeinsam, aber es fehlt jede Strenge und Monumentalität. Einen Schlüssel liefern die Namen: Gedankenflug, Kleine Tänzerin, Götterbote, Titan, Open Wing, Freudenstele, Mondmann oder auch einfach Langer Blauer, Boy und Girl – zumeist Wesenheiten, die zwischen Himmel und Erde verkehren und uns ein Stück über die materielle Schwere des Alltags hinaus heben wollen. Doch es bedarf keiner tiefsinnigen Kunsttheorie, um das zu spüren. Was mir gefällt ist die Beiläufigkeit ihres Entstehens und die Frechheit ihrer Wirkung. Sie ist durchaus ästhetisch reizvoll und dekorativ, aber zugleich führt sie den Betrachter in die Sphären einer märchenhaft belebten Natur, und damit auch auf das archaische Verständnis der Bäume zurück, aus denen die Werke entstanden sind. In den Bäumen wohnten einst die geheimnisvoll geflügelten Wesen, die Bäume hatten gleichsam eine eigene Seele. Diese wiederzuerkennen ist eine Herausforderung.“

Adrian von Buttlar
Kunsthistoriker, Professor an der Technischen Universität Berlin